Eine Woche Wahnsinn in Rio de Janeiro

Zuckerhut in Rio
Rio de Janeiro

Guten Morgen aus Paraty! Mike und ich sind gestern mit dem Bus 4 1/2 Stunden entlang der Küste gen Süden gefahren und sind jetzt für ein paar Tage im beschaulichen, kleinen Paraty. Und jetzt finde ich auch das erste Mal Zeit, etwas zu schreiben, denn die letzte Woche war der pure Wahnsinn. Und wenn ich purer Wahnsinn sage, dann ist das schon untertrieben. Denn das, was ich letzte Woche in Rio de Janeiro erlebt habe, lässt sich eigentlich nicht in Worte fassen – ich werde es trotzdem für euch versuchen. Nur ein paar Stichworte: Eine Nacht auf den Straßen Lapas, eine waschechte Favelaparty mit den Locals, WM-Sieg umgegeben von zig tausend Argentiniern und natürlich  Klassiker wie Copacabana, Zuckerhut und Christus-Statue. Aber der Reihe nach. 

Nachdem ich Montagnachmittag nach meinem 14stündigen Flug in Rio de Janeiro angekommen war, mich von dem Bus, die mich nach Botafogo, einem Stadtteil Rios zwischen Copacabana und City, bringen sollte, übers Ohr hab hauen lassen und statt 13,50 R$ 30 R$ gezahlt habe, ging es für 1 ½ Stunden quer durch die Stadt. Da ich nicht genau wusste, an welchem Busstop ich raus musste und die Stops in Rio auch keine Namen haben, war ich froh, Mike an einer Haltestelle zu sehen, um dann dort noch schnell aus dem Bus zu springen. Backpack ins Hostel gebracht, was essen gegangen (Huhn mit Reis und Pommes, meine Hauptmahlzeiten hier momentan) und dann ab ins Bett. Schlafen gestaltete sich dabei eher schwieriger, da unser Hostel direkt über einer Bar liegt, die bis morgens um 6 Uhr voller Menschen und lauter Musik ist. Nun ja, wat mut dat mut, ne.

Im FIFA Fanfest beim historischer 7:1 Sieg über Brasilien
Im FIFA Fanfest beim historischer 7:1 Sieg über Brasilien

Am nächsten Tag haben wir dann im Fanfest der FIFA am Copacabana Beach Deutschlands historischen Sieg gegen Brasilien gesehen. Wobei an dieser Stelle anzumerken ist, dass manche Brasilianer zwar schlechte Verlierer sind, insofern viele in der Halbzeitpause gegangen sind, aber es eigentlich kaum Aufstände oder ähnliches gab. Und sobald feststand, dass wir gegen Argentinien im Finale spielen würden, hatten wir komplett Brasilien auf unserer Seite, da sich Brasilianer und Argentinier im Fußball spinnefeind sind und kein Brasilianer Argentinien als WM-Sieger sehen wollte.

Am Mittwoch sind Mike und ich am Copacabana-Strand weiter zum Ipanema—Strand gelaufen, um dann rechtzeitig zu um 16. 30 Uhr brasilianischer Zeit an der Moderatoren-Dachterasse vom ZDF/ARD zu sein. Wenn ihr jemanden um 16.45 Uhr im Ozean hinter Opdenhövel und Scholl habt springen sehen – das war ich 😉

Während es schon am Dienstag beim Deutschlandspiel immer wieder weniger und stärker geregnet hat, ließ der Himmel es dann am Donnerstag so richtig runterregnen. Ich Schlaumeier hatte natürlich keine Regenjacke eingepackt – ich werde mir wohl eine hier kaufen müssen. D.h. wenn ich jemals eine finde, denn Brasilianer verkaufen zwar hunderte von Regenschirmen, aber Regenjacken sind unauffindbar. Wir sind also im Regen kreuz und quer durch das City Center von Rio gelaufen und waren dann auch plötzlich in einer Nebenstraße, die dem ärmeren Teil der Stadt angehörte und wo wir definitiv die einzigen Touristen waren. Da das meine erste Erfahrung mit dem etwas „unsicheren“ Teil der Stadt war, fühlte ich mich schon etwas ängstlich – nachdem, was ich dann aber am Samstag erlebt habe, war das gar nichts. Aber dazu gleich mehr.

Freitag sind wir dann bei besserem Wetter zu den „Escadaria Selaron“ gelaufen. Das ist eine Treppe im etwas ärmeren Stadtteil Lapa, die mit tausenden kleiner Mosaikplatten verziert ist. Voller Touristen, aber wirklich schön. Zurück im Hostel fiel dann die Entscheidung mit einigen Leute aus dem Hostel am Abend zurück nach Lapa zu fahren, da dort Freitagsabends viel los sein soll. „Viel“ war dann maßlos untertrieben. Man stelle sich eine gigantische Straßenparty vor: Tausende von Menschen, Caipirinhas an jeder Straßenecke, Essensstände, Musiker, Tänzer, Schmuckverkäufer – und alles mitten auf der Straße. Und wenn das nicht alles schon wahnsinnig genug wäre, fing doch tatsächlich ein Brasilianer neben uns an, für eine gute halbe Stunde nonstop auf seinem Schlagzeug – was natürlich auch auf der Straße stand – zu spielen. Irgendwann sind wir dann in eine Bar, bei der man ewig anstehen und ein monster Eintrittsgeld zahlen musste. Was für eine unterschiedliche Welt – 2 Straßen voneinander entfernt. Aber das findet man in Rio sowieso- arm und reich, wirklich nur durch eine Straße entfernt.

Tanzende Brasilianer bei ihrer Favelaparty
Tanzende Brasilianer bei ihrer Favelaparty

Nachdem wir dann Samstagmorgen mit leichtem Kater gegen Mittag aufwachten, verbrachten wir den ganzen Tag mit Nichtstun, indem wir mit Australiern und Engländern aus unserem Hostel in einer Bar saßen, uns unterhielten und das Spiel um den 3. Platz schauten. Als es dann gegen 21 Uhr hieß: „Lass uns ausgehen“, hatte ich mich eigentlich schon entschieden, nicht mitzukommen, weil ich so erschöpft war und ich fühlte, wie ich krank wurde. Die Jungs und ein Mädel wollten dann aber zu einer Favelaparty, von der sie gehört hatten und irgendwie dachte ich mir, ich will nichts verpassen, und bin dann doch mitgekommen – was ein Glück! Wir laufen also zu diesem Favela und kommen zum Eingang vom Favela, wo es eine Bar gibt, in der die Brasilianer den Samstagabend verbringen. Auch wenn ihr das bestimmt alle wisst: Als Favelas werden die Wohnregionen bezeichnet, die sich anhand von Treppen die Berge Rios hochschlängeln und in denen die ärmere Bevökerung lebt. Viele Favelas wurden vor der Weltmeisterschaft von der Polizei gestürmt und „gesäubert“, d.h. von Drogen und auch Waffen befreit und „theoretisch“ unter der Kontrolle der Polizei (aber das ist auch nur theoretisch) – aber dennoch sind sie nicht ungefährlich. Wir waren aber ja nur am Eingang des Favelas, da war alles easy.  Zwei der Australier wollten sich dann das Favela aber mal genauer ansehen und sind in den dunklen Gassen verschwunden. Als sie nach einer Stunde noch nicht zurück waren, sind Mike und der dritte Australier sie suchen gegangen. Dann einer Viertelstunde kam einer der Australier wieder und hat mir und dem anderen Mädel, das mit uns mit war, erzählt, dass es an der Spitze des Favelas eine riesige Party gäbe, da wollen wir hin. Alles klar, also sind wir in das Favela rein, und sind die dunklen Gassen mit schmalen Treppen hochgelaufen. Die anderen haben an einem Punkt auf uns gewartet und dann sind wir alle den gesamten Berg hoch immer der Nase und der Musik nach zu der Party gelaufen. Und was für eine Party das war! Eine riesige Tanzfläche an der Spitze des Berges mit einer sagenhaften Aussicht über ganz Rio de Janeiro. Und die Bewohner des Favelas: irrsinnig freundlich! Total herzliche Menschen, die sich nicht an uns gestört haben, sondern sich mit uns unterhalten und mit uns getanzt haben. Irgendwann wurde dann die Tanzfläche geräumt und eine Gruppe von Brasilianern in Kostümen hat eine halbe Stunde lang eine Tanzdarbietung abgeliefert. So was habe ich noch nicht gesehen, der pure Wahnsinn! Und die Brasilianer können tanzen – von Samba bis zu Dancebattles hat man alles gesehen. Gegen 4 Uhr nachts haben wir dann beschlossen zu gehen und als wir die Treppen des Favelas herunterliefen, war alles sehr viel weniger gruselig als noch beim Aufstieg. Was für eine Nacht: auf einer wachechten Favelaparty getanzt, die „wahren“ Einwohner Rios kennengelernt und es lässt sich feststellen: es ist alles weitaus weniger gefährlich, als es in den Medien dargestellt wird. Natürlich gibt es sehr viel gefährlichere Favelas, in die man nicht so einfach reinlaufen könnte, aber dennoch: die Brasilianer sind so freundliche und herzliche Menschen – ob man sie auf der Straße nach dem Weg fragt oder mit ihnen in ihrem Zuhause eine Party feiert. Was für eine Nacht, die sich kaum beschreiben lässt!

Als ich am Sonntagmorgen aufgewacht bin, war mein erster Gedanke, eine Nacht wie gestern kann eigentlich nichts mehr toppen. Womit ich aber falsch liegen sollte, denn der vor mir liegende Tag sollte mindestens genauso spektakulär werden. Wir machten uns also gegen Mittags auf den Weg zur Copacabana, um am Strand das Finale zu sehen. Ich war noch immer etwas traurig, das Spiel nicht im Stadion zu sehen, aber die 300 Euro, die man für ein Ticket zahlen musste, hatte ich dann doch nicht locker. Die Metro zum Strand war gefüllt mit singenden Argentiniern, die für das Finale angereist waren. Laut Medienberichten befanden sich zum Finale 100.000 Argentinier in Rio, dagegen nur einige Tausend Deutsche. Man fühlte sich als Deutscher also definitiv in der Unterzahl. Um mein Revier zu markieren, kaufte ich mir auf dem Weg zum Strand erstmal eine völlig überteuerte Deutschlandflagge und ließ mir die Flagge aufs Gesicht malen. Da das Fanfest schon völlig überlaufen war, gingen wir zu dem zweiten Bildschirm am Strand. Umgeben von Argentiniern habe ich dann voller Spannung das Spiel gesehen. Wobei man leider anmerken musste, dass viele Argentinier nicht wirklich freundlich waren. Als ich, mit Unterstützung anderer, „Auf geht´s Deutschland, schießt ein Tor“ anstimmte, war die Reaktion der Argentinier ein aggressives „Schhhh“ und einige auf uns zu fliegende Bierbecher. Respekt für die Fans des anderen Teams war leider bei vielen zu passionierten Argentiniern nicht vorhanden, schade! Als es dann zur zweiten Hälfte der Verlängerung kam, wurde mein deutsches Fußballerherz doch langsam wirklich stark nervös: Elfmeterschießen wollte ich nun wirklich nicht. Aber dann, in der 113. Minute wurde ich ja erlöst! Zuerst sah ich gar nicht, dass der Ball drinne war, denn obwohl ich das ganze Spiel schon auf Zehenspitzen stand, war meine Sicht teilweise doch eingeschränkt. Doch dann sah man den Ball im Netz liegen und mei, habe ich gejubelt. Die Argentinier um mich herum waren mir egal, ich bin durchgedreht!!

Weltmeister 2014 in Rio de Janeiro!!!
Weltmeister 2014 in Rio de Janeiro!!!

Und um mich herum war es still… Während ich mich noch immer freute und Deutschlandlieder anstimmte, wurde die ohnehin schon etwas aggressiven Argentinier um mich herum aufgrund des Spielstandes noch schlechter gelaunt und fingen an zu schubsen und Flaschen zu schmeißen. Den Abpfiff bekam ich dann kaum noch mit, da es um uns herum zur Sache ging. Stühle flogen, Flaggen wurden von Bars gerissen, Massen wurden geschubst – es wurde ein bisschen scary. Die anderen wollten deswegen alle den Strand verlassen, aber ich wollte unbedingt die Siegesfeier sehen. Aber daraus wurde nichts, denn aufgrund der Unruhen denke ich, wurde kurz nach Spielende der Bildschirm schwarz. Na toll, also nach einem 120minütigen Spiel ohne Ton nun auch keine Siegerehrung. Wir standen dann noch eine Weile an der Straße an der Copacabana und dort habe ich dann das erste Mal an diesem Tag Argentinier getroffen, die gute Verlierer waren. Während ich auf der Straße tanzte und mich als eine der wenigen Deutschen dort freute, tatsächlich Weltmeister zu sein, kamen etliche Argentinier auf mich zu und gratulierten zum Sieg. Das hat dann die allgemein eher negativen Erfahrungen mit den Argentiniern wieder ein bisschen wett gemacht. Zusammenfassend lässt sich die Erfahrung, am Copacabana Beach in Rio de Janeiro Weltmeister zu werden und als eine der wenigen Deutschen „live“ in der Stadt gewesen zu sein, also absolut surreal bezeichnen. Obwohl mir der Gesang und der Zusammenhalt eines Landes, den man auf den deutschen Fanmeilen erlebt, hier ein bisschen gefehlt hat, ist das, was ich hier erlebt habe, doch einfach nur einzigartig. So etwas werde ich höchstwahrscheinlich nie mehr erleben – und ich war dabei!

Cristo Redentor
Cristo Redentor

Nach also 3 Tagen einzigartiger Erlebnisse haben Mike und ich am Montag (Mikes Geburtstag) und Dienstag dann die Attraktionen, die man wohl „normalerweise“ als einzigartige Erlebnisse in Rio bezeichnet: Pao de Acucar (dt: Zuckerhut) und Cristo Redentor. Obwohl wir bei beiden Attraktionen 2-3 Stunden anstehen mussten, hat es sich dennoch gelohnt. Die Aussicht auf Rio bei Nacht vom Zuckerhut und Helligkeit, Sonnenuntergang und Dunkelheit bei Cristo. Beeindruckend!

Gestern haben wir dann nach einer Woche Wahnsinn in Rio de Janeiro den Bus nach Paraty genommen, eine kleine Stadt an der Küste, südlich von Rio. Hier wollen wir jetzt ein paar Tage bleiben und endlich mal entspannen. Dann geht’s weiter zu den Iguazu Falls, den höchsten Wasserfällen der Welt, die an der gemeinsamen Grenze von Brasilien, Argentinien und Paraguay hinunterrauschen. Denn nach langem Überlegen haben wir uns dafür entschieden, Brasilien südlich, hinüber nach Argentinien, durch Argentinien hinüber nach Chile und wieder gen Norden Richtung Bolivien, etc. zu reisen. Das einzige Problem bei dieser Route ist das Wetter. Denn natürlich haben wir nicht bedacht, dass es hier Winter ist und es immer kälter wird, je südlicher man kommt. Und ich habe neben der nicht mitgebrachten Regenjacke natürlich weder eine Jeans, noch eine Jacke, noch überhaupt feste Schuhe dabei. Dafür aber drei Paar Flipflops… Sieht so aus, als müsste ich shoppen gehen. Aber da wir uns eh nicht so lange in Argentinien und Chile aufhalten wollen, wird das schon passen. Hoffe ich 😉

So ihr Lieben, entschuldigt diesen ellenlangen ersten Eintrag, ich hoffe ich habt bis hierhin durchgehalten und ich verspreche euch, die nächsten werden nicht so lang. Es sei denn, alles hier wird so verrückt wie die Zeit in Rio – das glaube ich aber kaum! Fühlt euch alle gedrückt, ich denk an euch und melde mich wieder ❤

PS. Viele weitere Fotos findet ihr in der „Foto“-Rubrik. Zudem werde ich in der Rubrik „Facts & Curiosities“ interessante Informationen und lustige Gegebenheiten der einzelnen Länder, die ich bereise, festhalten.

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One thought on “Eine Woche Wahnsinn in Rio de Janeiro

  1. Mama

    Guten Morgen Lini, ich vergess Zeit und Raum um deine (eure) und auch Dennis Reise zu verfolgen.Gestern Abend hab ich mich durch die Erlebnisse in/über/auf der SONNE geackert und kaum dass ich heute Morgen aufgestanden bin, sitz ich schon wieder vorm PC. Dein Bericht war ja angekündigt! Ich freu mich, dass ihr zwei in Rio so eine tolle Zeit hattet. Typisch meine Tochter, alles mitnehmen, was kommt. Weiter so! Ach übrigens…Ich hätte da noch eine Regenjacke im Angebot 🙂
    Liebste Grüße, auch an Mike, aus dem hochsommerlich warmen Norddeutschland
    Mama

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