Wie man 4 Tage auf einem paraguayischen Containerschiff übersteht

Das Containerschiff
Das Containerschiff

Wart ihr schon einmal auf einem Containerschiff in Paraguay? Wenn nicht, dann nehmt euch den Rat, denn ich euch an dieser Stelle gebe, zu Herzen: „TUT ES NICHT!“ Die letzten 4 1/2 Tage waren die längsten, dreckigsten, vollsten, gedrängtesten und nervenaufreibendsten Tage meines bisherigen Lebens. Noch nie wurde ich so angestarrt und habe mich so beengt gefühlt, ohne jegliche Freiheit und Privatsphäre, vollkommen abhängig von anderen Menschen. Aber lasst mich von vorne anfangen.

Der Río Paraguay
Der Río Paraguay

Wie ich schon im letzten Blogeintrag erwähnte, hatten Mike und ich davon gelesen, dass man mit einem Containerschiff von der MitteParaguays bis hoch in den einsamen Norden fahren kann. Das hörte sich wie eine ziemlich coole Sache an und deswegen wollten wir mit diesem Boot in den Norden Paraguays fahren, um dann von dort über die Grenze nach Bolivien zu reisen. Um genauere Informationen über das Schiff zu bekommen, sind wir also vor 1 ½ Wochen zunächst nach Asunción, in die Hauptstadt Paraguays gefahren. Dort erzählte uns die Besitzerin unseres Hostels alles, was wir wissen mussten: Wir müssten mit dem Bus nach Concepción, einer Stadt weiter im Norden. Dort fährt dann jeden Dienstag um 11 Uhr das Containerschiff mitsamt den Einheimischen Richtung Norden. Freitag früh würden wir dann in Bahia Negra, einem Ort ganz im Norden Paraguays ankommen. Von dort aus müsste man mit einem anderen Boot weiter nach Tres Gigantes, einem völlig im Pantanal (ein Bereich in Paraguay und Brasilien, der so ähnlich wie der Amazonas ist) gelegenen Ort. Dort wollten wir dann ein paar Tage bleiben, um dann weiter mit Auto oder Boot zu der gar nicht mehr weit entfernten Grenze Boliviens zu fahren. So war der Plan. Ein Plan, der sich nach Abenteuer, Außergewöhnlichem und einer Menge Spaß anhörte. Noch.

Wir verbrachten also einige Tage in Asunción, in der, obwohl es die Hauptstadt des Landes ist, nicht wirklich viel passierte. Das ereignisreichste Erlebnis war wohl das Fußballspiel, das wir uns ansahen. Und das, obwohl die Heimmannschaft „Club Nacional“ 0:3 verlor. Sonntagvormittag fuhren wir dann mit dem Bus 6 Stunden die knapp 400 Kilometer hoch nach Concepción. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass 97 % der Menschen, die in Paraguay leben, im Süden des Landes wohnen. Der Norden ist praktisch ausgestorben. Dementsprechend verirren sich auch nicht viele Backpacker dorthin. Das wurde schon im Bus deutlich: wir waren definitiv die einzigen Touristen. In Concepción angekommen, sah es auch nicht anders aus: Weit und breit keine anderen Backpacker, nur Einheimische, die uns mit großen Augen anstarrten. Nachmittags liefen wir zum Hafen, um zu sehen, ob das Containerschiff, mit dem wir fahren würden, schon dort lag. Und siehe da, es war hier. Viel, viel kleiner als erwartet. Mitsamt tausenden von Kisten, Tüten, Boxen und etlichen Männern, die die Sachen an Bord trugen. Womit sie aber aufhörten, als sie uns sahen, um uns stattdessen anzustarren. Denn anstarren, dass können die Paraguayer wirklich gut.

Vollgepackt bis Obenhin
Vollgepackt bis Obenhin

Am nächsten Morgen standen wir um 5.30 Uhr auf, hatte eine letzte (eiskalte) Dusche und liefen mitsamt Backpack zum Hafen, um dort unser Bootticket zu kaufen. Dabei gilt es zu bemerken, dass es dabei in Südamerika nicht so einfach funktioniert, wie es sich anhört. Vor allen Dingen nicht mit Spanisch für Anfänger. „Ein Ticket kaufen“ heißt hier, mindestens 3 Personen nacheinander zu fragen, wo und wann man hin muss, um dann die Antworten miteinander abzustimmen, um so die richtige Richtung zu bestimmen. Dann fragt man nochmal 2 weitere Personen und kommt dann tatsächlich irgendwann dort an, wo man hin wollte. Wir bekamen also irgendwie unsere Tickets für das Schiff und liefen damit zum Boot. Dort standen wir dann eine gute Stunde, während immer mehr Einheimische mit etlichen Tüten, Koffern und Kisten ankamen. Ich meinte noch zu Mike: „Es können unmöglich alle diese Menschen mit auf das Boot wollen. Die passen da doch alle gar nicht hinein.“ Oh doch, alle diese Menschen wollten aufs Boot. Und zwar im Schnellschritt. Als wir alle auf das Schiff durften, rasten die Menschen regelmäßig hinein. Wir hinterher, denn wir hatten gehört, dass es nur eine begrenzte Anzahl von Hängematten für die Nacht gab. Im Boot folgten wir der Masse, sahen, dass die Bänke schon alle besetzt waren und fanden noch etwas freien Platz in einem kleinen Gang. Dort hingen auch noch einige freie Hängematten. Da wir aber den Koch, der wohl zuständig für den Verleih der Hängematten war, nicht finden konnten, blieben wir erst einmal auf unserem Fleck stehen. Dort standen wir dann gute 2 Stunden, während das Boot immer und immer voller wurde und man sich eigentlich nicht mehr bewegen konnte. Als der Koch schließlich da war, bekamen wir auf unsere Frage: „Hamaca (=Hängematte)?“ nur ein schlichtes „No!“ Nun gut, dann würden wir wohl auf dem Boden schlafen. Wenn wir dort denn Platz finden würden. Denn ich sage euch, so etwas habe ich noch nie erlebt, dieses kleine Schiff war so voll. Es dauerte auch nicht lange, bis wir verstanden, warum, denn das Boot diente zwei Zwecken: 1) All die Menschen, die entlang des Rio Paraguay gen Norden wohnen, müssen all ihre großen Besorgungen in Concepción erledigen. Daher waren so viele Menschen auf dem Boot. Sie kauften ihre Sachen in der Stadt, um dann mit Sack und Pack in ihr Dorf zurück zu fahren. 2) Das Boot dient neben dem Transport von Menschen und Dingen gleichzeitig als großer Supermarkt. So stellten wir schnell fest, dass alle Paraguayer in der „unteren Etage“ des Bootes Früchte, Brot, Getränke, etc. verkauften. An allen Häfen, an denen wir stoppten, kamen dann Menschen an Bord und kauften auf dem Boot ein. All das stellten wir aber auch erst im Laufe der nächsten Tage fest, denn am ersten Tag auf dem Fluss konnten wir uns kaum bewegen. Um von unserem Stehplatz zum Außenbereich zu kommen, musste man sich an tausenden von Menschen vorbeiquetschen, um dann draußen gequetscht zu stehen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Außer stehen und auf dem Backpack sitzen, konnte man auch nichts weiter machen. So standen wir den ganzen Tag entweder drinnen oder draußen, unterhielten uns so weit wie möglich auf Spanisch mit ein paar wenigen Einheimischen und lauschten der Gitarrenmusik einiger Jungs. Das war wohl auch das positivste Erlebnis auf dem Boot.

EIn Schluck Whisky am Abend macht alles besser
Ein Schluck Whisky am Abend macht alles besser

Wie kann ich euch die nächsten 3 Tage beschreiben? Es war heiß und voller Menschen (wobei glücklicherweise an jedem angesteuerten Hafen immer mehr Menschen von Bord gingen). Wir mussten auf dem Boden, mitten im Gag schlafen, wo die Leute ständig über dich hinüber steigen. Paraguayer gewinnen dabei definitiv nicht die Wahl zur freundlichsten Nation. Sie haben keine Manieren, stehen im Weg, machen keinen Platz, sagen nicht Danke oder Bitte und lächeln nie. Außerdem starren sie dich nonstop an. Das Boot wurde immer dreckiger und auch man selbst fühlte sich nach jedem Tag ohne Dusche und in den gleichen Klamotten Tag und Nacht nicht wirklich sauberer. Zudem war es so heiß, dass man ständig schwitzte. Die romantische Vorstellung einer gemütlichen Bootstour mit einem guten Buch an Deck entsprach definitiv nicht der Realität. Zwar habe ich 1 1/2 Bücher gelesen, aber dass eigentlich nur aus reiner Not, nicht an Langeweile am ständig selben Platz einzugehen. Es lässt sich schwer hier beschreiben, wie man sich auf diesem Boot gefühlt hat. Lasst es mich so sagen: Nach 3 Tagen hatte ich definitiv genug Zeit mit den Einheimischen dieses Landes verbracht. Ich hatte 3 Tage lang das gleiche Frühstück (Bananen), dieselben Snacks über den Tag (Brötchen mit komischer Wurst) und das exakt gleiche Abendessen (Reis mit Fleisch). Ich hatte mich 3 Tage lang anstarren lassen, mich unwohl gefühlt, 3 Nächte auf dem dreckigen Boden geschlafen, mich 3 Tage lang wie eingesperrt gefühlt. Mike und ich waren uns einig: Es war eine wirklich gute Erfahrung, wir waren froh, so etwas extremes einmal gemacht zu haben, erfahren zu haben, wie es ist, mentale Stärke zu bewahren – aber jetzt hatten wir genug! Wir konnten es nicht erwarten, endlich in Bahia Negra anzukommen und diesem Schiff auf nimmer Wiedersehen zu sagen. Nach etlichen Stunden Verspätung war es dann am Freitagnachmittag endlich soweit: Wir kamen in Bahia Negra an. Wir verließen das Boot so schnell wie möglich und kaum runter vom Schiff, wurden wir zum Immigrationsoffice geschickt. Das kam uns sehr zugute, da wir noch einen Ausreisetempel für unsere bevorstehende Grenzüberquerung nach Bolivien brauchten. Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon beschlossen, dass wir nur eine Nacht in Tres Gigantes bleiben wollten. Denn obwohl es da wirklich schön sein sollten, wir hatten genug von der Einsamkeit. Wir wollten Menschen, die uns verstanden, einen Ort, wo wir nicht die einzigen Backpacker sein würden. Daher wollten wir so schnell wie möglich nach Bolivien. Wir bekamen also den Ausreisestempel, der uns datierte, in 2 Tagen das Land zu verlassen. Voll frohen Mutes, endlich das Boot verlassen zu haben plus einen Ausreisestempel zu besitzen, sprachen wir dann mit dem Menschen, der uns nach Tres Gigantes bringen sollte und sagten ihm, dass wir nur eine Nacht bleiben wollten, um dann nach Bolivien zu fahren. Und wie wir denn am besten nach Bolivien kämen, ob mit Auto oder Boot. Dann kam der Schock. In gebrochenem Englisch/Spanisch, dass wir versuchten zu verstehen, erklärte er uns, dass man momentan nicht mit dem Auto nach Bolivien fahren könnte, da die Straßen geflutet sind. Und mit dem Boot? Das ginge auch nicht, das dauere zu lang und so viel Benzin hätte man nicht vorrätig. Mike und ich guckten uns geschockt an. Was sollten wir nun machen? Der einzige Grund, weshalb wir in den Norden gefahren waren, war, von hier aus nach Bolivien zu kommen. Nun kamen wir aus dem Ort nicht weg. Denn die einzigen Straßen von hier führen nach Bolivien, aber die waren geflutet. Und ansonsten kam des nur den Flussweg. Was nun? Die einzige Möglichkeit, die wir noch hätten, erzählte uns der nette Mann, war, mit dem Schiff, auf dem wir gekommen waren, wieder ein Stück gen Süden zu fahren und an der Isla Margarita auszusteigen. Auf der anderen Seite des Flusses liegt dort der brasilianische Ort Porto Murtinho. Dann könnten wir von dort mit einem Bus durch Brasilien hoch in den Norden zur brasilianisch-bolivischen Grenze fahren. Das wäre prinzipiell unsere einzige Möglichkeit, nach Bolivien zu kommen, ohne wieder ganz zurück bis nach Concepción zu fahren. Das war dann der Zeitpunkt, als ich nicht wusste, ob ich lachen oder heulen sollte. Zurück auf dieses Boot? Den ganzen Weg umsonst gefahren?

Zurück auf dem Boot - wir drehen durch!
Zurück auf dem Boot – wir drehen durch!

Doch es blieb uns keine andere Wahl. Wir konnten nicht in Tres Gigantes bleiben, da das Boot nur jede Woche einmal fährt und wir hatten nicht genug Geld um eine Woche im teuren Tres Gigantes zu bleiben. Das hieß, wir mussten jetzt sofort zurück aufs Boot. Mit jeden Faser in mir, die laut „Ich will da nicht wieder rauf!“ schrie, nahmen wir unsere Backpacks und gingen den Gang nach Canossa – zurück aufs Boot. Zurück in unsere gewohnte Ecke, zurück zum gleichen Abendessen: zum vierten Mal in Folge gab es Reis mit Fleisch. Als meine Verzweiflung dann in Lachen umschlug, weil diese Situation einfach zu unfassbar war, wurde alles ein bisschen besser. Die wenigen Leute, die nun auf dem Boot waren, schienen ein bisschen netter. Zudem ergatterten wir uns jeweils eine Bank, sodass wir diese Nacht zumindest nicht auf dem Boden schlafen mussten. Was wirklich angenehm war, gerade nachdem Mike zwei Mäuse sichtete, die über den Boden flitzten. Als wir dann am Morgen aufwachten, waren es nur noch zwei Stunden, bis wir von Bord sollten. Ich konnte es gar nicht erwarten und sichtete endlich den Hafen, den der Mann uns in Bahia Negra nannte, an dem wir aussteigen sollten. Als wir dann von Bord wollten und nach einem Boot fragten, dass uns zum brasilianischen Hafen bringen sollte, gab es allgemeine Verwirrung und es hieß, wir sollten an Bord bleiben. Tatsächlich mussten wir erst am nächsten Stop raus. Also noch einmal 30 Minuten auf dem Schiff und dann sahen wir den ersehnten brasilianischen Hafen. Ein kleines Boot brachte uns an Land – wir waren endlich, endlich, endlich runter vom Boot und raus aus Paraguay! Wir irrten dann bei glühender Hitze im Ort herum, um dann nach mehreren langen und kurzen spanisch-portugiesischen-ich verstehe nicht was du sagst-sprich bitte langsamer-Gesprächen herauszufinden, dass es hier kein Immigration Office gibt. Wir brauchen schließlich einen Stempel, um offiziell wieder in Brasilien sein zu dürfen. Irgendwann fanden wir dann heraus, dass morgen ein Bus nach Campo Grande fährt, dort gibt es ein Konsulat. Also fahren wir morgen nach Campo Grande, von wo aus wir dann auch den Bus nach Corúmba nehmen können, einer Stadt direkt an der Grenze zu Bolivien. Dabei fahren wir jetzt 6 Stunden in den nordöstlich, um dann wieder 6 Stunden in den Westen zu fahren. Aber einfach gleich in Norden zu fahren geht halt nicht – es gibt keine Straße. Ich mache drei Kreuze, wenn wir hier morgen wirklich rauskommen. Denn seit wir in Südamerika sind, kann man sich 1) immer nur 50% sicher sein, dass man wirklich versteht, was der andere sagt und 2) weiß man nie, ob das, was der eine einem erzählt auch wirklich stimmt. Denn fragt man 3 Leute, bekommt man meist 3 verschiedene Antworten. Die Sprachbarriere macht wirklich vieles schwieriger, da so gut wie niemand Englisch spricht. Mein Spanisch wird zwar schon besser, aber es ist weit davon entfernt flüssig zu sein bzw. noch nicht gut genug, um das schnell gesprochene Spanisch/ Portugiesisch der Südamerikaner zu verstehen.

Alles in allem: Was für eine Woche! Ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, denn es lässt einen wirklich wertschätzen, wie einfach das Leben in Europa doch ist. Wir haben normale Jobs, müssen nicht tagein tagaus auf einem Boot sitzen und dort Lebensmittel verkaufen. Wir können gehen, wohin und wann wir wollen. Sind nicht abhängig von einem Boot, dass nur ein Mal pro Woche fährt. Solche Erfahrungen prägen und daher bin ich froh, erlebt zu haben, was wir erlebt haben. Aber noch einmal auf eine Containerschiff in Paraguay? Niemals wieder!

Unser Schlafplatz
Unser Schlafplatz
Das Boot am ersten Tag
Das Boot am ersten Tag
Einheimische auf dem Fluss
Einheimische auf dem Fluss
Einer der angesteuerten Häfen
Einer der angesteuerten Häfen
Sonnenuntergang - einer der schönen Momente
Sonnenuntergang – einer der schönen Momente
Vollgepacktes Boot
Vollgepacktes Boot

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